Baikal - Spiegel der russischen Seele



Für die Russen ist der Baikal ein mythischer Ort – einmal im Leben muss man ihn gesehen haben. Davon träumen viele und auch immer mehr Touristen aus aller Welt fahren bis tief ins Herz Sibiriens zu diesem Meer von Süßwasser, dass sich über 31500 Quadratkilometer erstreckt.

Die Russen sprechen vom Baikal in der dritten Person, wie von einem anderen Wesen. Für sie ist er wie ein Spiegel ihrer Seele und auch ein Spiegel ihrer Geschichte – dieses größten Landes der Welt mit seiner ruhmreichen Vergangenheit vom Zarenreich über die Sowjetunion, den politischen Widersprüchen in diesen neudemokratischen Zeiten des entfesselten Kapitalismus, dem Raubbau an Natur und Umwelt und den brennenden Fragen nach der Zukunft.

Vladimir Vasak von ARTE Reportage, Marie Jégo von Le Monde, begleitet von der Fotografin Elena Chernyshova, dem Toningenieur Sébastien Guisset und von Katia Swarowskaya, fuhren Ende Mai dieses Jahres an die Südufer des Baikalsees. Auf den Webseiten von ARTE Reportage und Le Monde können sie ihre Reise verfolgen, in Fotos und Tönen; ab dem 22. Juli erscheint eine Serie von Artikeln in Le Monde und am 27. Juli sendet ARTE die Reportage.

Natur und Umwelt, Industrie, Tourismus und Lokalkolorit – der Baikal als Spiegel der russischen Seele.

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Der Baikal – das heilige Meer

Niemand kennt sich besser aus, mit dem Baikalsee, als der Biologe Maxim Timofeev. Unermüdlich ist er mit seinen Reagenzgläsern an seinen Ufern unterwegs. Die analysiert er dann in seinem High-Tech-Labor, in der Leninstraße in Irkutsk, 70 Kilometer weit weg.

Der "Chef" des Labors gerät ins Schwärmen angesichts der Einzigartigkeit dieses Sibirischen Meeres: 700 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und 30 Millionen Jahre alt. Ein Fünftel der irdischen Süßwasserreserven liegen hier – so viel wie in allen amerikanischen Seen zusammen. Das Russland Wladimir Putins lebt noch von den Klischees aus dem Kalten Krieg. Die USA sind das Reich des Bösen. Und dennoch für derlei Vergleiche der einzige würdige Gegner.

Vor 10 Jahren hat Maxim das Baikal-Forschungszentrum gegründet. In geopolitischer Hinsicht konzentrieren sich die 14 Forscher eher auf große Tiefen (1620 Meter). Dort kommen tausende seltener Mikroorganismen vor. Die Wissenschaftler kennen ihre Geheimnisse. Sie wissen alles über die "Belastungsfähigkeit" der Epischure baikalensis, die See-Krabbe. Dieses Schalentier ist permanent in Bewegung, wie ein mächtiger Staubsauger, der die Verunreinigungen aus dem See filtert.

Als "Putzfrau" ist die Krabbe unübertroffen – aber seit einiger Zeit überarbeitet. Schuld daran ist der Mensch. Abwässer, Industrie- und Chemieabfälle und Öl leitet er ungeklärt in den See. Um die Schäden zu messen, machen die Laboranten den ultimativen Härtetest: ein Schuss flüssiger Stickstoff und dann: Zermahlen. Das Puder gibt liefert wertvolle Informationen über den menschlichen Einfluss auf den Stoffwechsel der Krabbe und – im Allgemeinen – über die Verschmutzung des Baikals.

Keine Angst, "das Wasser ist zu 99% sauber", versichert Maxim. Verunreinigungen treten nur "punktuell" auf, vor allem in der Mündung des Selenga-Flusses am Ostufer und beim Zellulosekombinat von Baikalsk am Südufer, wo sehr viele Industrieabfälle eingeleitet werden. Glücklicherweise "tritt die Verschmutzung nur stellenweise auf, und verbreitet sich nicht im ganzen See", beruhigt sich Maxim. Aber über die Verschmutzung auf dem Grund des Sees gibt es noch keine seriöse Studie.

Ausschnitt aus der Doku

Das Zellulosekombinat (BTsBK) am gegenüberliegenden Ufer stößt gelben Rauch aus. Es gilt als größter Verschmutzer der Region. Seit zwei Jahren verspricht die Regierung seine Schließung, aber die wird immer wieder verschoben. Sie bereitet Kopfzerbrechen. Wohin mit den 1600 Arbeitern und Beschäftigten der Fabrik? Außerdem ist es unmöglich, den Heizkessel des Kombinats zu schließen. Er versorgt die ganze Stadt mit Strom und Warmwasser. Aber zu welchen Kosten! Diese Maschine aus ursowjetischen Zeiten verfeuert 1000 Tonnen Kohle am Tag!

Pläne der Regierung, die Stadt in ein Seebad und ein Wintersportparadies zu verwandeln, sind keine echte Lösung. "Der Tourismus ist keine saubere Sache, vor allem wenn er – wie in Listwjanka – sich unkontrolliert ausbreitet (die Lieblingsriviera der Russen am Westufer)." "Jedes Haus" – so Maxim – "ist da angeblich ein Hotel".

Der Baikal fasziniert Maxim – auch wenn er nicht im Labor arbeitet. Wenn es bitterkalt wird, läuft er mit seiner Familie auf der endlosen Seeoberfläche gerne stundenlang Schlittschuh. Natürlich immer mit obligatorischem Picknick. Auf einer Decke mitten auf dem Eis schenken sich die Eisläufer gegenseitig Tee ein und teilen ihre Pastetchen. Sie singen Lieder und erzählen sich zum tausendsten Mal die Geschichten vom See. Wie die vom "Gold von Koltschak" – der Kasse der Monarchisten. An einem Novembertag im Jahr 1919 wurde sie hier im Zug transportiert – und als die Wagons an der Uferböschung entgleist sind, ist die Kasse mit in den Tiefen versunken.

Für die Sibirier ist der Baikal mehr als nur ein Süßwasserreservoir – mehr als Fischgründe und mehr als Tourismus. In den Augen der Russen, die für ihren riesigen eurasischen Kontinent immer einen Zugang zum Meer wollten, ist der Baikal das Meer ihrer Träume. In den verwinkelten Küchen, in den Bars und den verräucherten Restaurants rühmt man ihn in Gesängen, man bringt Trinksprüchen auf ihn aus und widmet ihm Legenden.

Wie zum Beispiel die vom eifersüchtigen Vater, der seine Tochter Angara – den einzigen Fluss, der aus dem Baikal entspringt, am Ende nicht so recht dem Bett des Jenissej überlassen will. Die Legende stammt von den Burjaten – den Ureinwohnern der Region. Sie sind mit den Mongolen verwandt. Für diese Nomaden – Viehzüchter, und immer auf der Suche nach Wasser für ihre Tiere – hat der See etwas Heiliges. Von hier stammen die ersten Schamanen, Heiler und Geisterseher.

Die Bewohner der beiden Ufer – Russen im Westen und Burjaten im Osten – rücken im Winter enger zusammen, wenn die Eisschicht über einen Meter dick wird. Der See wird dann zur Autobahn. Diese Verwandlung ist eine großartige Ergänzung zum schlecht ausgebauten Straßennetz. Viele kleine Dörfer am See sind über Land nicht erreichbar. Zur Schönwetterzeit gelangt man nur per Boot hin – eine halbe Weltreise. Im Winter ist das ein Kinderspiel.

Aber nur, wenn man sich penibel an die wichtigste Empfehlung der Rettungsdienste hält: Bei aufbrechendem Eis, den See nicht betreten. "Es gibt Draufgänger, die es trotzdem wissen wollen. Ergebnis: sie versinken am Steuer ihres Autos. Versuchen Sie mal, die wieder rauszufischen! Das Wasser ist vereist. Die Überlebenschancen gering", erklärt Igor Tolstikhin. Er breitet gerade seinen Tauchanzug zum Trocknen in der Sonne aus – in seinem Garten, ganz in der Nähe von Listwjanka, der bevorzugten Sommerfrische der russischen Touristen.

Sibirien ist ein Land der Extreme. Am 6. Mai ist ein MI-8-Helikopter mitten im Flug explodiert, beladen mit 1,9 Tonnen Sprengstoff. Von den 9 Passagieren war nicht mehr viel übrig. Darunter auch der Oberst Stanislaw Omeliantschik, Rettungschef der Region Irkutsk. Sein Einsatzteam wollte einen Eispfropf sprengen, der die Kleine Tunguska blockierte, einen der 200 Flüsse, die in den See fließen.

"Der Baikal ist einem nicht nur wohlgesonnen", warnt Igor Titenko, Marionettenspieler in Irkutsk. Er verehrt ihn, aber lieber aus der Ferne. Mitten im Winter liebt er das „Eismeer“ am Horizont, eingeschlossen wie „ein Eremit“, in einem Chalet auf der Gebirgskette am Ufer.

Natalia Chirobokowa ist die Direktorin der Abfüllanlage für das Seewasser, nicht weit von Listwjanka. Für sie ist der Baikal ein "Meer zum Trinken". Eines Tages – so ist sie sich sicher – wird dieses glitzernde Trinkwasser – blau im Sommer und weiß im Winter – mitten aus Sibirien "nach ganz Europa" exportiert werden.

Von dieser goldenen Zukunft ist man noch weit entfernt. Bisher hat es das Tafelwasser der Marke "Baikal" noch nicht einmal über die Grenzen der Region hinaus geschafft. Die Restaurants und Hotels in Moskau bevorzugen die Konkurrenz aus Frankreich oder Italien.

Natalia erklärt uns: "Um hier mitzuspielen, muss man satte Bestechungsgelder zahlen – das können wir uns nicht leisten." Die frühere Biologin, die in den 1990er Jahren "zufällig" Firmenchefin geworden ist, würde ihr kleines Unternehmen gerne weiter nach vorne bringen. Ein Ding der Unmöglichkeit, solange die Produktion auf den regionalen Markt beschränkt bleibt.

Gegenüber dem korrupten Vertriebsmonopol haben die kleinen Hersteller keinen Stand. Das gilt für alle Branchen – deshalb sind die mittelständischen Unternehmen in Russland so selten, wie Papayabäume in der Steppe. Landesweit machen sie 20% des BIPs aus. Der Durchschnitt in den OECD-Ländern liegt bei 45.

Die Stunde des Baikalwassers wird schon noch kommen. Zu Recht, nach Meinung der Einheimischen – und sei es nur wegen seiner heilenden Wirkung. Man altert dann weniger schnell, so sind etliche überzeugt. Der Beweis steht noch aus. Zurzeit regiert im Land noch der Fluch der Demographie: die Lebenserwartung liegt bei 63 Jahren. Vielleicht sollte man mehr von dem Wunderwasser trinken und weniger Wodka.

Wenn man dem Gerücht Glauben schenkt, dann findet sich das Geheimnis des ewigen Lebens wohl irgendwo in den Tiefen des Sees. Das Wasser ist dort besonders sauerstoffreich, "kristallklar", versichern die Anwohner. "Trinken sie es einfach aus der Hand – keine Angst!", fordert uns ein Spaziergänger am Strand vom Listwjanka auf. Von Verschmutzung keine Spur. Dank der Mikroorganismen, die alles ausfiltern. "Der See ist selbstreinigend."

Und doch: aus den Flüssen laufen die Industrieabfälle ungehindert in den See – genauso wie das Öl der Touristen-Schiffe oder die Abwässer von immer mehr Hotels. Echte Hygienekontrolle gibt es nicht. Dem Heiligen Meer bleibt nichts erspart.

Mit der Ausbreitung des Tourismus haben auch die Uferböschungen gelitten: Sie sind übersät von Papierfetzen, Flaschen, Plastiktüten und Dosen. Die Russen lieben ihren Baikal so sehr, dass ihnen die Verschmutzung gar nicht auffällt. Weit und breit keine Mülleimer. Keine einzige Hinweistafel, die die Wanderer auffordert, die Landschaft nicht zur Müllkippe zu machen.

Die Reiseunternehmen, die Hotels und die Gemeindeverwaltungen versuchen dem Herr zu werden, indem sie einmal pro Jahr ein allgemeines Mülleinsammeln organisieren. Engagierte "Freiwillige" werden dann mobilisiert. Ein Brauch, der an den sowjetischen "Subotnik" anknüpft: den Jahrestag des obligatorischen kollektiven Saubermachens. Die Absicht ist löblich, das Ergebnis allerdings kläglich. Plätze, die ohnehin kaum sauber gemacht werden, sind wenige Tage später schon wieder von Papierfetzen, Dosen und Plastikflaschen übersät.

Marina Rikhwanowa, eine Naturschützerin in den Fünfzigern aus Irkutsk meint, dass die Kinder schon in der Grundschule lernen sollten, nichts wegzuwerfen. "Das ist eine Erziehungssache", sagt sie. Ihre Hilfsorganisation "Baikalwelle" arbeitet mit Lehrern zusammen. Es geht darum, in der Schule praktischen Naturschutz zu üben. Marina und ihre Kollegen verteilen zum Beispiel ein "Gänsespiel" über industrielle Verpackung.

Leider hat diese erzieherische Maßnahme keine Zukunft, weil die Hilfsorganisation von der Schließung bedroht ist. 2012 ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, das Hilfsorganisationen, die aus dem Ausland finanziert werden, als "ausländische Agenten" betrachtet. Die Baikalwelle ist seither im Fadenkreuz der Behörden.

Im Mai haben sie ein Schreiben vom Staatsanwalt erhalten – es liest sich wie eine medizinische Diagnose! Darin steht, dass die Hilfsorganisation "alle äußeren Anzeichen einer politischen Organisation" hat. Ein Warnschuss in einem Russland, das immer mehr Nabelschau betreibt. Für Marina ein Grund zum Lachen: "Die Ermittler der Staatsanwaltschaft wollen hier unbedingt einen ausländischen Agenten aufstöbern. Dafür würden sie alles tun."

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Junge Leute in Irkutsk

Der Holzfußboden musste schnell raus, aus dem Saal des Restauranthotels Evrope in Irkutsk (Sibirien), mit seinem Flair von Kitsch, den griechisch-römischen Statuen und seinen Samtvorhängen mit Bommeln. Eine Gruppe ungeduldiger Spieler hatte ihn reserviert. "Heute Abend spielen wir Mafia", verrät uns die "Managerin": enger Rock, Stöckelschuhe. Sorgfältig schließt sie die Flügeltüren zum Saal.

Cry me a river säuselt im Nachbarraum eine junge Sängerin ins Mikro. Auf dem Flachbildschirm über ihr läuft ein Boxkampf. Die Lautstärke macht jegliche Unterhaltung unmöglich. Das macht auch nichts. Die wenigen Gäste sind ohnehin nicht sonderlich gesprächig und widmen sich lieber ihrem Essen.

Ein Ehepaar hat sich in Schale geworfen und diniert schweigend. Der kleine Sohn wird ungeduldig und möchte mit seiner Mutter tanzen. Auf dem Parkett vergräbt das Kind seine Nase im fülligen Bauch seiner Mutter und lässt sich hin und her wiegen. Das Samstagabend-Diner im Evrope (Europa) gilt in der gehobenen Gesellschaft von Irkutsk als das gesellschaftliche Ereignis.

Hinter verschlossenen Türen: absolute Konzentration. Der Spieleleiter spricht den rituellen Satz: "Die Stadt schläft, die Mafia erwacht", und es kann losgehen. Eine Gruppe "Städter" zieht gegen die "Mafia" in den Krieg. Man muss töten, sonst geht man selbst dabei drauf – virtuell, versteht sich. Keiner kennt den anderen, das Risiko für einen Fehltritt ist hoch. Umso beeindruckender, mit welcher Begeisterung die "Jeunesse Dorée" von Irkutsk – der Hauptstadt Ostsibiriens – jeden Samstagabend "Mafia" spielt. Was gibt es auch sonst schon groß zu tun?

Im Juni 1890 hat der russische Dramaturg Anton Tschechow in Irkutsk Halt gemacht – auf dem Weg nach Sachalin, im äußersten Osten Russlands. Die Bewohner klagten, sie seien wie zerfressen von Schwermut. Unmöglich, in der endlosen Einsamkeit (2012: 4 Einwohner pro Quadratkilometer in der Region von Irkutsk) des sibirischen Eises (sechs Wintermonate) keine Marotten zu entwickeln.

Ein Jahrhundert später gibt es Abwechslung genug. Die Betuchten feiern im Restaurant, die Jungen mit bescheidenerem Einkommen nippen an ihrem Bier. Sie sitzen an der Böschung des Angara oder aber ganz in der Nähe, unter der Statue des Zars Alexander III. Wohl ein beliebter Zeitvertreib: der Rasen und die Stufen der Böschung sind übersät mit Kippen und zerbrochenen Flaschen.

Mit ihren 100 000 Studenten gibt sich die Stadt das Flair von Jugendlichkeit. Aber von ihrem einstigen Schwung ist nicht mehr viel übrig. Die Schwerindustrie fällt kaum noch ins Gewicht. Einzig die "Irkut", eine Luftfahrt-Holding, hat noch einen guten Stand. 14 000 Menschen sind dort beschäftigt. Im Stadtzentrum: zerfallende alte Holzhäuser, die Fenster mit Girlanden geschmückt. Von Früh bis Spät rollen Laster und PKWs durch die staubigen Straßen. Das Atmen fällt schwer: Katalysatoren? In Irkutsk ein Fremdwort.

Die alte Festungsstadt, 1660 errichtet gegen tatarische und mongolische Horden, hat ihre Händler reich gemacht. Dann wurde sie ein Ort der Verbannung. Der Philosoph Alexander Radischtschew und auch die Dezember-Aufständischen wurden hierher ins Exil gebracht. Im Bürgerkrieg – Rote gegen Weiße Armee – hat der zarentreue Admiral Koltschak dort sein Hauptquartier errichtet. Allerdings nicht für lange. Die Rote Armee hat ihn gefangengenommen und an Ort und Stelle erschossen. Seine Gefängniszelle kann man besuchen – aber Touristen sind rar.

Denn Urlauber, die in Irkutsk ankommen, wollen nur eines: so schnell wie möglich weiter, zum Baikalsee, 70 Kilometer flussabwärts. Die Stadt blutet aus: Von 2002 bis 2010 hat sie 6 000 Einwohner verloren. Noch schlimmer in der Region: in acht Jahren sind 250 000 Bewohner weggezogen. Nach den letzten beiden Volkszählungen waren es 2002 noch 2,5 Millionen – 2010 nur noch 2,35.

Der Premierminister Medwedew hat nun Irkutsk und die ganze Region zur Zone „vorrangiger Wiederbevölkerung“ geschlagen (Sibirien und Ferner Osten). Ein staatliches Programm, das die neuen Siedler des 21. Jahrhunderts anlocken soll.

"Irkutsk lebt im Schatten des Baikal – es fehlt am Willen, die Dinge voranzutreiben. Krasnojarsk – die Metallbaustadt – unsere Nachbarstadt und auch unser Konkurrent, hat sich sehr entwickelt. Deshalb hat sie Irkutsk auch den Rang als Hauptstadt von Ostsibirien weggeschnappt", meint Sergei Schmidt, Geschichtsdozent an der Universität. Der Aufschwung von Krasnojarsk ist dem Wohlstand von Norisk Nickel zu verdanken, einem ehemaligen Gulag und heute weltweit die Nummer eins in der Nickel- und Palladiumproduktion.

"Weggehen" - ein verführerisches Wort für die jungen Akademiker von Irkutsk. "Sie denken, die Straße zum Erfolg führt geradewegs Richtung Westen. Moskau lockt ehrgeizige Menschen, die Karriere machen wollen. Moskau ist die mächtige Hauptstadt – Russland der Wasserkopf." Mit seinen 12 Millionen Einwohnern ist Moskau die einzige Stadt in Russland, deren Bevölkerung wächst: um 10% pro Jahr. "Jeder meiner Studenten, der von hier weggegangen ist, hat dort Arbeit gefunden", schreibt der Dozent in seinem Blog, allerdings nicht ohne Wehmut: "Und wenn jeder weggeht, was dann?"

Ausschnitt aus der Doku

Konstantin Zdytschew hat sein Architekturdiplom in der Tasche. Wegzugehen aus seiner Geburtsstadt kommt für ihn nicht in Frage. "Russland ist wie ein leeres Blatt. Es muss erst noch beschrieben werden. Das gilt erst recht für Irkutsk. Die Stadt wird sich schon noch entwickeln, Architekten sind dann Mangelware." Sein Optimismus ist verständlich: mit seinen 22 Jahren verdient er besser als seine Mutter. Und die arbeitet seit 30 Jahren in einer Kinderambulanz. Einen Job in einer Stadtplanungsbehörde bekam er ohne Probleme.

2012 hat er acht Monate lang in Wien studiert – über das Austauschprogramm Erasmus. Er hat vor, aus Irkutsk eine "europäische Stadt zu machen, wo der Mensch im Zentrum steht".

Es gibt viel zu tun! Zurzeit wird den Fußgängern allerorts das Leben schwer gemacht. Schikaniert vom halsbrecherischen Tempo der Autos und andauernd zu Umwegen gezwungen, schaffen sie es dann doch zu den rettenden Seitenplanken. In Irkutsk hat das Auto ganz klar Vorfahrt vor den Menschen.

Konstantin hat eine Siedlung entworfen – für die Angestellten des neuen Flughafens. Die Baustelle existiert nur auf dem Papier. Gebaut ist noch nichts. Die lokalen Eliten haben sich immer noch nicht auf einen Standort geeinigt. Es gäbe "divergierende Interessen". Im Klartext: die Eliten streiten darüber, wie der Kuchen verteilt werden soll.

Wie immer in Russland: die Entscheidungsprozesse sind äußerst zäh. Im Stadtzentrum sacken die Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert so langsam in sich zusammen: verbarrikadierte Fenster, wurmstichige Wände, eingebrochene Dächer. Irgendwann werden diese Ruinen Platz machen für Einkaufszentren. Die versprechen derzeit die saftigsten Gewinne – bei geringstem Risiko. Das russische Wirtschaftswachstum der letzten fünf Jahre lässt sich am privaten Konsum ablesen. Goldene Zeiten kündigen sich an. Da ist es dann auch egal, wenn die Waren – von Autos bis hin zu Shampoo – alle importiert sind – und überteuert.

Konstantin ist verbittert, weil "die Stadtplanungsprojekte mit jedem neuen Gouverneur wieder in Frage gestellt werden – das ist etwas entmutigend". Die Bauvorschriften sind drakonisch, jede Lappalie muss von Moskau abgesegnet werden. "Als ob die in der Hauptstadt nicht genug eigene Probleme hätten", lästert der Architekt. Aber Politik ist nicht seine Sache. Der junge Mann ist wie alle anderen auch: "Die meisten hier pfeifen auf Politik."

Natalia, 23 Jahre alt, kurze neon-orangene Haare, futuristischer Schnitt, wohnt seit sechs Jahren in Irkutsk. Sie sieht sich als "Streiterin für die Sache der Bürger". Jede Woche besucht sie zusammen mit einer Gruppe Freiwilliger die Waisenhäuser der Region. "In dieser Region gibt es mehr als im übrigen Land." Warum? Sie weiß es nicht. Sie überlegt. "Das Interesse, Probleme zu lösen, ist hier sicher weniger stark ausgeprägt, als in Moskau. Sibirien ist weit, Unstimmigkeiten fallen hier nicht so auf", sagt sie dann.

Seit Kurzem hat die "Bürgerbewegung" in Russland Rückenwind. Ganze Zentren von "Freiwilligen" sind zwischen Kaliningrad und Wladiwostok aus dem Boden geschossen. Diese jungen Menschen wollen energisch gegen die Untätigkeit der Behörden vorgehen. Bei den Waldbränden im Sommer 2010 hatten sie Löscharbeiten organisiert und die Opfer humanitär unterstützt. Dabei waren sie erfolgreicher als die Apparatschiks vor Ort, die Feuerwehr und die Polizei zusammen. Seither ist die "Freiwilligen"-Bewegung gewachsen.

Ihr argloses Engagement erinnert etwas an die Kampagnen der intellektuellen Narodniki. Ende des 19. Jahrhunderts hatten sie der Landbevölkerung Lesen und Schreiben beigebracht. Ein solches „Aufmucken der Zivilgesellschaft“ reicht schon, um den Kreml aufzubringen. Die Duma (das Unterhaus des Parlaments) prüft derzeit eine Gesetzesvorlage, um hier wieder für Recht und Ordnung zu sorgen. Das Justizministerium wird die "Freiwilligen" bald "darum ersuchen, ihr Tun und Handeln" zu rechtfertigen.

Jetzt steht auch noch Papierkrieg ins Haus. "Der Staat will uns überwachen, anstatt uns zu helfen", klagt Natalia. Jedenfalls: Das Wort "Politik" stößt sie ab. "Politik interessiert mich nicht", sagt sie. Schon der Klang des Wortes ist ihr zuwider. Sie findet ihn obszön.

Nicht so Egor Titow, 23 Jahre alt, Inhaber einer Szene-Bar in der Stadt. "Irkutsk ist sehr politisch, zum Beispiel ist kürzlich ein Kommunist Bürgermeister geworden – gegen einen Kandidaten von Vereinigtes Russland (die Partei von Wladimir Putin). Allerdings, als er dann im Amt war, hat er sich um 180 Grad gedreht und ist bei Vereinigtes Russland eingetreten. Das oder der Gulag. Russland ist nicht Hollywood!"

Irkutsk ist nicht Hollywood, aber es glitzert tausendfach in den Augen von Ekaterina Perewalowa. Die junge Journalistin schwärmt für das eisige Klima und die Lichter dieser modernen Stadt. Erst vor einigen Jahren war diese Ur-Sibirierin ausgewandert. Sie wollte ihr Glück in Rostow am Don versuchen, im südlichen europäischen Teil der Föderation. Sie hat es schlecht getroffen: "Es gab keine richtige Beleuchtung in der Stadt und keine echten Taxis. Und den ganzen Winter über nicht eine Flocke Schnee – da bin ich wieder umgezogen – zurück, nach Hause."

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Die Insel Olchon: vom Gulag zum Tourismus

Es ist unmöglich, sich auf der Insel Olchon aufzuhalten, der heiligen Stätte des sibirischen Schamanismus, ohne einem Schamanen über den Weg zu laufen. Dieser Hohepriester ist Seher und Therapeut in einer Person. Seine Beschwörungen sind in ganz Nord- und Zentralasien hochgeschätzt. Nach unseren Erkundigungen scheint der Schamane Valentin genau der Richtige zu sein. Sein "sechster Finger" – ein Daumen mit Schwimmhaut – macht ihn zum anerkannten Deuter der Geisterwelt.

Auf seine Dienste müssen wir allerdings schnell verzichten. Hundert Dollar sollen sie kosten. Sonderlich überzeugend sind sie nicht. Eine echte Touristenfalle: ein bisschen Weihrauch, ein paar magische Gesänge, ein Schuss Wodka ins Feuer. Das echte Ritual dagegen verlangt nach einer ganz anderen Art von körperlicher Anstrengung. Vor allem muss der Schamane durch Rülpsen, Furzen und Verschlucken von Gegenständen zeigen, dass sein Körper für Geister durchlässig ist.

Früher haben sich die Erfahreneren "Messer durch Bauchnabel oder Hintern gestochen, sich gegenseitig niedergeschossen, ihr eigenes Blut getrunken und gar Kohle, Kieselsteine oder Nadeln geschluckt", erklären die Forscher Charles Stépanoff und Thierry Zarcone (Le chamanisme de Sibérie et d’Asie centrale, 127 Seiten, Gallimard 2011 – nur auf Französisch).

Nach diesen Ausführungen verfliegt die Lust auf einen Initiationsritus schnell. Wir sind erleichtert, dass diese Zeremonie nicht mehr praktiziert wird. Sechzig Jahre dialektischer Materialismus haben den Trance-Ritualen den Garaus gemacht. Aber die Schamanen haben trotzdem weiter als Heiler gewirkt – heimlich, auch zu Sowjetzeiten. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR vor zweiundzwanzig Jahren, können sie wieder offen auftreten – aber: Achtung vor Scharlatanen!

Um den Geist von Olchon – der größten Baikalinsel (730 Quadratkilometer) – besser in sich aufzunehmen gibt es nichts Besseres als eine Ballade über die Heide beim Schamanka-Felsen: ein mythischer Ort des burjatischen Schamanismus, mit seinem "Wunschbaum". Er ist über und über behängt mit zahllosen bunten Stoffbändern. Am Ende dieses Maimonats ist die Bucht noch vereist. In der Nähe der Flusses nimmt man ein seltsames Geräusch war. Ein fiebriges Knistern, gerade so, als ob der Baikal verdampfte. Unter den ersten mächtigen Sonnenstrahlen schmilzt das Eis geräuschvoll. Es ist nicht zu übersehen: Der schillernde Eismantel des Sees bricht auf, Wellen drängen an die Oberfläche.

Die Schamanka ist die Lieblingsroute der Touristen. Russen und Ausländer: Japaner, Südkoreaner, Amerikaner, Europäer – immer zahlreicher kommen sie, und wollen hier Robinson spielen: auf dieser Insel ohne Straßen, ohne fließendes Wasser und Strom. 2000 Menschen leben ganzjährig auf Olchon. Im Sommer sind es viermal so viele. "Von Juni an ist die Fähre immer voll", sagt der Inhaber einer Bar an der Mole. Er vertreibt sich die Zeit mit seinen Freunden beim Kartenspielen und wartet auf Kunden.

Mit der sommerlichen Überbevölkerung wird die Wasserversorgung zum Problem. Eine ganze LKW-Kolonne mit Zisternen ist Tag und Nacht unterwegs und versorgt die Hotels. Abwasserreinigung ist ein Fremdwort. Alles geht in den Baikal. Der Müll wird auf Kippen mitten in der Natur abgeladen. Die Ortsverwaltung unternimmt nichts, die Händler genauso wenig. Was zählt, ist der Profit.

Der Tourismus ist ein unerwarteter Segen für die Bewohner dieser abgelegenen Insel. Acht Monate im Jahr leiden sie unter Sturm und Eis. Jeder hofft, dass ein Tourist bei ihm Halt macht. Holzhäuschen säumen die staubigen Straßen der Hauptstadt Chuschir. Überall hängen Schilder: "Hier Hotelzimmer mit Bania (russische Sauna)."

In Irkutsk bieten Reiseagenturen Exkursionen zu den entlegensten Winkeln der Insel an. Pinienwälder, einsame Dünen, hohe weiße Klippen, goldgelbe Sandstrände – und das Süßwasser des Baikal liegt angeblich immer in Reichweite.

Lena hat das geglaubt. Das war vor einigen Jahren, bei einem Sommerurlaub auf der Insel, während einer Radwanderung, zusammen mit ihrem Mann. Sie wollten nicht zu viel Gepäck mitnehmen und hatten keine Wasserflaschen dabei – nur ein paar Dosen Bier. Als sie das Zelt aufgeschlagen hatten, wollten sie Wasser aus dem Baikal holen. Von ihrem Zeltplatz auf der Klippe aus war der See allerdings nicht zugänglich. "Wir haben dann Nudeln in Bier gekocht – das war ekelhaft", erinnert sich Lena.

Nadejda Nikolaewa, 35 Jahre alt, Besitzerin einer Presseagentur in Irkutsk liebt es, den Sommer in Chuschir zu verbringen, ihrer Geburtsstadt. Ihr zweiter Wohnsitz, eine neu hergerichtete Holzbaracke, war früher Teil des Gefangenenlagers von Pestschannaja, in den Dünen, zwanzig Kilometer weiter nördlich.

Das Lager war Teil des Angarlag, eine Unterabteilung des großen stalinistischen Gulags. Omul-Fangquoten waren zu erfüllen. Der Omul ist der typische Baikalfisch – ein entfernter Verwandter des Lachses. Im "Großen Vaterländischen Krieg" von 1941 bis 1945 stellten die Gefangenen Konserven mit Omul her – für die Soldaten der Roten Armee an der Front.

1952, ein Jahr vor Stalins Tod, wurde das Lager nach Sljudjanka verlegt, "auf dem Großen Land". So nennt man hier den Kontinent. Die meisten Baracken wurden Brett für Brett nach Chuschir gebracht.

Der kleine Gulag von Pestschannaja (über die Jahre mal 1200 Insassen mal nur 200) ist in Vergessenheit geraten. Nadejda hat in den Archiven danach gesucht. Sie wollte mehr wissen, über die Geschichte ihrer Schwiegermutter, Vera Nikolaewa. In den 1930er Jahren wurde sie wegen Diebstahls verurteilt und in Pestschannaja eingesperrt. Die Suche nach den Unterlagen ihrer Schwiegermutter wurde schnell zur Herausforderung. Ein Schreiben nach dem anderen war zu verfassen, Geburtszertifikate zu liefern und Todesscheine von Familienmitgliedern – über die letzten drei Generationen.

Als sie endlich einen Termin im Archiv bekam, traute Nadejda ihren Ohren nicht: "Ich durfte die Unterlagen nicht mal anfassen. Die Angestellten haben mir den Inhalt laut vorgelesen, dann haben sie alles wieder in einem Karton verstaut", erzählt die ausgebildete Mathematikerin. Sie leitet von nun an zwei gutgehende Firmen: ein Reisebüro und eine Schneiderei.

Mit ihren 82 Jahren ist Baba Katia die letzte noch lebende Zeitzeugin des Lagers von Pestschannaja. Ihr Leben lang hat sie im Kühlhaus der Fabrik gearbeitet. An die Gefangenen kann sie sich sehr gut erinnern, "arme Schlucker, wegen irgend einer Nichtigkeit verurteilt. Damals lief das halt so: du klaust einen Omul: ein Jahr Lager, zwei Omule: zwei Jahre. Zehn Minuten zu spät auf der Arbeit: zwei Jahre".

Der Eingang ihres Häuschens ist mit riesigen Wasserkrügen vollgestellt. Ein Teekessel pfeift auf einem Holzofen, an der Decke hängt eine Glühbirne, aber Strom gibt es nicht. Zur Zeit der Kollektive gab es immer Strom – gratis. Aber nach dem Zusammenbruch der UdSSR ist die Insel wieder in die Steinzeit gerutscht. Seither ist sich jeder selbst der Nächste. Einen Stromgenerator hat Baba Katia schon. Ihre Kinder haben ihn gekauft. Aber im Frühjahr werfe ich ihn nicht an. Denn da werden die Tage länger. Man muss Treibstoff sparen, denn der nächste Winter wird hart.

Die alte Frau sitzt in ihrer Küche, sie zeigt uns ihre sandigen Fenster: "Bald brauche ich keine Vorhänge mehr." Der Sand hat alles bedeckt: das alte Massengrab der Gefangenen, die Überreste der Fabrik, die Häuser der Dorfbewohner. All das, weil die Dünen unkontrolliert abgeholzt wurden – der kleine Gulag betrieb da eine eigene Sägerei. Das ist alles lange her – das war lange vor dem allgemeinen Niedergang, der fast die gesamte Bevölkerung von Pestschannaja nach Chuschir vertrieben hat – in die Hauptstadt.

Chuschir geht es nicht viel besser. Früher gab es einen Stromgenerator und eine Fischfabrik. Der kleine Fischereihafen war geschäftig. Heute sind da nur noch Ruinen, Asche und Abfälle. Die Fabrik ist geschlossen, der Kai aus Holz hält kaum noch. Die Schiffe im Trockendock rosten vor sich hin. Halbverhungerte Hunde durchschnüffeln die wenigen Mülltonnen. Der Omulfang ist nicht mehr das, was er einmal war.

Der Ort ist verlassen. Außer zwei Fischern, die ihren Rausch auf der Schiffsbrücke ausschlafen. Das Leben ist schön hier, erklären sie uns und spucken ins Wasser. "Wir leben sehr gut. Keiner schreibt uns was vor. Keiner will was von uns. Wir sind nur auf uns selbst angewiesen – das ist die pure Anarchie!"

Ausschnitt aus der Doku

Vom Zerfall des Hafens unberührt, läutet Sergeij Eremeev Sturm, in seiner kleinen orthodoxen Kirche auf dem Hügel. Vor fast acht Jahren hat er sich hier in Olchon niedergelassen – nach einem Philosophiestudium in Paris I, einem Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster im französischen Vercors und einer Arbeit als Verwalter in einem Jerusalemer Pilger-Hotel.

Seine Frau Anastasia ist ihm nachgezogen. Sie bekommen zwei Kinder. "Hier zu leben ist biblisch. Dir gehört nichts, aber du besitzt alles. Es ist eine Befreiung, ein immerwährender Dialog mit Gott", versichert der Junge Mann. Dabei wirkt er, wie eine Ikone von Andrei Rubljow.

Sergeij – der Glöckner der "Heiligen Mutter von Olchon" – ist beliebt bei den Kindern im Viertel. Die Kirche ist Symbol der orthodoxen Wiedereroberung der Insel. Er will sie nicht nur auf die Taufe vorbereiten – er spricht auf Augenhöhe mit ihnen, bringt ihnen bei "sich Mühe zu geben". Sein Französisch ist perfekt. "Hier gibt es nur eine einzige Religion: den Alkoholismus. Aber damit man im Winter was zu essen hat, muss man die Netze unter das Eis ziehen. Das rettet uns vor dem Alkohol", erklärt der Glöckner. Er ist dabei einen Bauplatz für sein Haus zu vermessen, unterstützt von seinen "Ziehkindern".

Nichts hätte darauf hingedeutet, dass dieser Sohn eines Militärs, geboren in Dresden, einmal "Glöckner, Küster, Schlüsselträger, was auch immer…" der kleinen weiß-blauen Zwiebelturm-Kirche auf dem Hügel wird. Er liebt die Rauheit von Olchon und seine Winter bei 30 Grad unter Null. Die Schinderei mit dem Holz und mit dem Wasser. Die Ruhe der langen Winterabende, während denen "ich und meine Frau lesen oder Kinder machen. Was gibt es auch sonst schon groß zu tun?"

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Listwjanka, die russische Riviera

Der kleine Hafen von Listwjanka am Westufer des Baikal setzt zu Recht auf den Tourismus. Die vorgelagerte Stellung bietet eine unvergleichliche Aussicht auf den See. Im Hintergrund die Gebirgskette von Khamar Daban, mitten in Burjatien. An der Bruchkante zwischen mongolischer und russischer Welt.

In Listwjanka ist man ohne Zweifel in Russland. Der Name des Ortes bedeutet "Lärche" (listvenitsa), der am weitesten verbreitete Baum des Waldgebietes – neben der Zeder und der allgegenwärtigen Birke. Listwjanka ist die Riviera der russischen Mittelklasse – mit seinem Reizklima, den Skihängen und dem Wassersport.

Listwjankas Ruf ist weithin bekannt. Schon zu Sowjetzeiten gab es organisierte Reisen für ausländische Touristen – sie stiegen im Hotel Intourist ab, immer begleitet von Dolmetschern, die gleichzeitig auch Fremdenführer und Aufpasser waren.

Seit dem Ende der Sowjetunion in 1991 können Ausländer sich ungehindert bewegen. Das Intourist hat seine Pracht verloren – und seinen Park auch. Die Konkurrenz war stärker. Private Unterkünfte und freies Unternehmertum haben ihm den Garaus gemacht.

"Sein eigenes Geschäft haben" – an derlei hat Igor Tolstikhin, 52 Jahre alt, nie gedacht. Ganz sicher nicht, als er im Intourist noch als Barkeeper arbeitete. Das war Ende der 1980er Jahre, "eine goldene Zeit". Die Zukunft schien vorgezeichnet. Der Staat war allmächtig, man musste sich nur tragen lassen. Mit seiner Karriere hat Igor einen fliegenden Start hingelegt "vom Praktikanten zum Chef de Rang".

1987 hat Mikhail Gorbatschow – der letzte Staatschef der Sowjetunion – mit seiner Perestroika alles über den Haufen geworfen. Wegen seinem „Anti-Alkohol-Gesetz“, das mit der allgegenwärtigen Trinkerei aufräumen sollte, musste die Intourist-Bar dichtmachen. Für Igor – damals 26 Jahre als – ist das der Anfang vom Ende. In den 1990er Jahren macht er kleinere Arbeiten, hat keine rechte Perspektive. Russland befindet sich in vollem Niedergang.

Sein eigenes Unternehmen gründen? Zu riskant. Die UdSSR gibt es nicht mehr, die Planwirtschaft auch nicht, aber noch immer sitzen die alten kommunistischen Apparatschiks an den Hebeln der Macht. Diese Schreibtischtäter wollen den Staatsbesitz unter sich aufteilen – mit allen Mitteln. Der Staat ist zu dieser Zeit einziger Grundstückseigentümer. Offene Rechnungen werden brutal beglichen – wenn nötig mit der Kalaschnikow, um das Unternehmertum im Keim zu ersticken.

1993 dreht sich der Wind. Igor findet eine Anstellung bei einem Reisebüro und schafft es, etwas Geld beiseite zu legen. Er kauft sich ein Grundstück in Nikola, einem höher gelegenen Dörfchen, 5 Kilometer von Listwjanka. Da stellt er ein großes Holzhaus hin, geräumig, mit zwei Außenzimmern mit Toiletten und der berühmten "banja" der unvermeidlichen russischen Sauna.

Er nennt es "Hotel Nikola", ein Familienunternehmen. Seine Frau Olga kümmert sich um die Küche, Tochter Nadja bedient die Gäste. Sohn Alexej ist für die Bauarbeiten zuständig und Igor für den Rest. "Unser Familiensinn hält uns über Wasser", sagt er immer wieder.

Zu Anfang ist alles schwer. Unmöglich, Strom- und Wasseranschluss zu kriegen. "Jahrelang mussten wir Wasser von einer Pumpe holen – weit weg im Dorf – was für eine Plackerei!", erinnert sich seine Frau Olga, eine kleine energische Frau. Das Wunder kommt schließlich in Gestalt eines Hotels, das direkt neben ihnen gebaut wird. Die Besitzer, Leute mit Einfluss, bekommen Anschluss für Strom- und Wasser ohne weiteres. Und so auch Igor.

Mit dem Komfort boomt auch die Besucherzahl der kleinen Pension. Die Einnahmen werden wieder in den Bau vier neuer Zimmer investiert. Wieder greift Igor zur Kelle, sein Sohn hilft ihm.

Das Ergebnis erinnert irgendwie an die Arbeiten eines skurrilen Einzelgängers, Kitsch auf sibirisch. Mit Minibrunnen, afrikanischer Statue und Willkommensschild. "Cool, hier!". Das Schild trügt nicht. Die Gastgeber sind sehr fürsorglich, das Essen ist gut, die Zimmer sind sehr sauber und die Aussicht unvergleichlich. Zur Linken der Baikal, zur Rechten die Angara. Die Touristen lieben es.

Ausschnitt aus der Doku

Von Juni bis September ist die Pension voll belegt. "Wir suchen uns unsere Gäste aus. Nörgler bleiben draußen", stellt Olga klar. Sie hat ungute Erinnerungen an Streitereien mit "Deborichi", betrunkenen Gästen. In solchen Situationen muss man "mit den Feinheiten des menschlichen Verhaltens umgehen" können – sagt Igor.

Das Dorf Nikola ist sehr schön, liegt aber weitab vom Schuss. Sinnlos, sich auf öffentliche Verkehrsmittel zu verlassen. Die Gemeinden wollen den Tourismus ausbauen, aber nicht die Infrastruktur. Glücklicherweise hat Igor seinen japanischen Minibus aus den 1980er Jahren mit dem Steuer auf der rechten Seite. Er kutschiert Urlauber durch die Gegend, Die Mutigeren nimmt er mit, auf Tauchexkursionen im See, in 3 Kilometer Entfernung. Das ist gar nicht so ohne: das Wasser ist eisig – auch im Sommer.

Vor zwei Jahren hat man vor, einen Skilift in Nikola zu eröffnet, ganz in Igors Nachbarschaft. Damals rieb er sich schon die Hände und freute sich auf den Ansturm von Wintergästen. Der Lift wurde zu 70% fertiggestellt, dann machte ein Streit zwischen der Gemeinde und dem Geschäftsmann dem Projekt ein Ende. Die Baustelle wurde stillgelegt. Seither rosten die Anlagen vor sich hin – in Sichtweite des Hotels. "Das so zu sehen, tut es mir weh. Mir kommt es vor, als ginge in Russland immer alles zu langsam", klagt Igor.

Igor gehört zu den Russen, die fünf Leben gleichzeitig gelebt haben. Mal als Barkeeper, dann wieder als Tauchlehrer, Rettungssanitäter, Chauffeur, Maurer, Hotelbesitzer. Er ist ziemlich stolz auf sein Talent als Inneneinrichter. Vor allem auf die Leuchter und die Rahmen aus altem Baikal-Treibholz.

In seiner Freizeit –wenn das Wetter mitspielt – geht unser Hotelier tauchen. Einmal pro Jahr reinigen er und seine Freunde vom Listwjanka-Tauchclub die tieferen Regionen des Sees. Beeindruckend, welchen Krempel sie da zutage fördern: alte Reifen, rostige Motoren, Handys, elektronische Kalender, Sonnenbrillen und sonstigen Müll. Als die Taucher 2008 zum ersten Mal in Aktion getreten sind, haben sie fast zwei Tonnen Abfälle eingesammelt.

Das Hotel und der See sind Igors Lebensinhalt geworden: "Die Gäste sind zufrieden – Jahr für Jahr kommen sie wieder. Ich auch, weil es hier sauber ist." Der leutselige stämmige Kerl ist mehr als zufrieden und zeigt das auch, trägt knallbunte Klamotten, immer ein Lächeln im Gesicht. Das allerdings kommt weniger gut an.

In Russland gilt Freundlichkeit bestenfalls als Schwäche, schlimmstenfalls als Provokation. "Ich gehe nicht gern in die Stadt (Listwjanka) weil ich wegen meiner Kleider und meines Lächelns immer schief angesehen werde", seufzt Igor. "Die beneiden uns – das ist alles", meint Olga.

Das Paar badet nicht in Geld. "Wir haben kein Bankkonto und auch keinen Besitz im Ausland", aber sie lieben ihre Freiheit: "Kein Chef, kein Geschäftspartner, kein finanzieller Teilhaber“. Selbst ihre Freunde, wohlhabende Beamte, beneiden sie darum „dass sie niemandem etwas schulden."

Zur kalten Jahreszeit kostet die Familie Tolstikhin das, was die Natur ihnen schenkt. Im Herbst pflücken sie Beeren, Pilze und Zedernnüsse. In der Küche kochen sie Marmeladen und Konserven für den Winter ein.

Die Ernte ist nicht ungefährlich, wegen der Zecken in Unterholz. Die können Hirnhautentzündung übertragen. Auf dem Gipfel des Berges Tscherski ist die Aussicht am schönsten. Mit kilometerweitem Rundblick. Tafeln warnen die Wanderer davor, die befestigten Wege zu verlassen, denn die Zecken lauern überall.

Über die Verbreitung dieser Parasiten hat Olga so ihre Theorie. "Von einem Polizisten aus ihrem Bekanntenkreis." Erst mal sind "die Zecken nicht zufällig hier eingefallen". Sie trägt eine Schürze. In ihrem Garten topft sie Pflanzen um und erzählt: "Eines Tages hat ein Fischer am Baikalufer ein seltsames Geräusch vernommen. Eine Blechschachtel fliegt aus einem Zugfenster und landet direkt vor seinen Füßen. Er macht sie auf und was sieht er? Zecken. Mit dem Hirnhautvirus infiziert! Wenig später verhaftet die Polizei zwei Reisende aus dem Zug. Chinesen. Die hatten vor, noch zwei Schachteln rauszuwerfen."

Sibirien zieht nicht nur Touristen an. Auch immer mehr Einwanderer versuchen in diesem neuen sibirischen Eldorado ihr Glück: Chinesen, Usbeken, Aserbaidschaner und Armenier steigen in Irkutsk, Nowosibirsk oder Krasnojarsk ab. Immer in der Hoffnung auf einen Job auf dem Bau oder im Handel. In Irkutsk stehen die chinesischen Märkte hoch im Kurs. "Alles auf der Chankhaika (dem Markt in Irkutsk) kommt aus China. Zum Glück müssen die chinesischen Händler von nun an russische Verkäufer beschäftigen", stellt Olga klar.

In ihren Augen ist die Sache mit den Zecken sowas wie "eine Offensive". China ist nicht weit weg (1659 Kilometer, 2 h 35 mit dem Flugzeug von Irkutsk bis Peking). Und China, das selbst zu wenig Raum hat, hat gegenüber Russland sicher nicht nur ehrenwerte Absichten. Olga ist absolut überzeugt: "Die Chinesen wollen uns schwächen, weil sie uns erobern wollen."

Dieser geopolitische Exkurs im Garten macht den Reiz der Reise aus. Russland liebt Verschwörungstheorien. Mit absolutem Ernst werden sie vorgetragen. Auch von Leuten, die man auf den ersten Blick für voll genommen hat.

Die Klassiker sind hier, dass der Gesprächspartner an kleine grüne Männchen glaubt, an die jüdische Weltverschwörung, die gelbe Gefahr, den drohenden Angriff des "Feindes". Und dann sind da noch die Sonderlinge, die einem sogar eine spiritistische Sitzung vorschlagen oder eine Behandlung mit Eigenurin.

Szenarien mit Verfolgungswahn haben fast immer Konjunktur: vor allem seit die politische Elite ihren Teil dazu beiträgt, die aus der ehemaligen sowjetischen Geheimpolizei (KGB) hervorgegangen ist. Derlei Geschichten haben eine eindeutige Wirkung: man muss sich auf die Zunge beißen, um nicht loszulachen. Und genau das tue ich, während Olga weiter ihre Primeln umtopft.

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Baikalsk, Rückkehr in das Land der Sowjets

Baikalsk ist eine kleine Industriestadt in der Region Irkutsk, am Südufer des Sees. Das Leben richtet sich dort nach dem größten Arbeitgeber: dem Zellulose-Kombinat BTsBK.

1683 Angestellte und Arbeiter sind beim BTsBK beschäftigt. Das sind 12% der Stadtbevölkerung. Die Schornsteine spucken zwar gelblichen und übelriechenden Rauch aus – aber dafür sind die Gehälter sicher. Aber wenn der Rauch auch nur etwas abnimmt, herrscht im Betrieb sofort Untergangsstimmung.

Das Kombinat wird früher oder später schließen, das steht fest. Zu viele Schulden, zu unrentabel, zu umweltschädlich. 2010 dann die Insolvenz. Die Entscheidung kam spät, denn niemand weiß, was nun aus der Fabrik werden soll. Aus den vorsintflutlichen Maschinen und den Arbeitern. Der Kreml lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, weil man einen Aufstand fürchtet.

Bei einem Blitzbesuch in der Region am 18. Juni hat der Premierminister Dimitri Medwedjew die Schließung des Kombinats noch einmal bestätigt. Zwischen den Zeilen. "Es ist an der Zeit, verantwortungsbewusste und mutige Entscheidungen zu treffen", denn, so hat er betont: "Der Baikal muss sauber bleiben." Das war auch überfällig! Die Umweltschützer stellen das BTsBK an den Pranger – als einen der größten Verschmutzer des Sees. Jeden Tag leiten sie 140 000 Kubikmeter verunreinigtes Wasser – nach Angaben von Greenpeace Russland Chlor, Schwefelstoffe und Dioxin – weit vom Ufer entfernt in den See.

Alexander Iwanow, 54 Jahre alt, ist der Konkursverwalter. Er behauptet steif und fest, dass "das eingeleitete Wasser sauber ist". Er wirft den Umweltschützern vor "nie genug zu bekommen". Mit ihnen verhandeln will er nicht. Der Mann ist ein ehemaliger Mitarbeiter beim militärischen Geheimdienst (GRU), der zum Konkursverwalter umgeschult hat. 2010 wurde er an die Spitze des BTsBK gestellt. Er soll es abwickeln. Für ihn hat nur eines Vorrang: "Die soziale Stabilität muss gewahrt bleiben."

Der Oberstleutnant der Reserve ist sehr liebenswürdig, als er uns in seinem großzügigen Büro in der obersten Etage der Fabrik empfängt. An der Wand hängt eine Karte von Afghanistan. Im sowjetisch-afghanischen Krieg (1979 -1989) hat er sich seine Sporen verdient. Daneben ein Porträt des unvermeidlichen Wladimir Putin.

Der Verwalter war bereit, uns an einem Sonntag zu treffen. Eigentlich sein freier Tag. Die Türen des Unternehmens stehen uns weit offen. Keine Frage bleibt unbeantwortet. Ein Verhalten, das im heutigen Russland nicht sonderlich verbreitet ist. Denn man ist wie besessen vom "ausländischen Spion". Gemeint ist damit unter anderem auch der Journalist, der als "Agent" für seine Regierung Informationen beschaffen soll.

Das denkt auch der Sicherheitschef der Fabrik. Ein gedrungener kleiner Mann mit Schnurrbart – eine Art Zirkusdirektor ohne Uniform. Während das Filmteam die "Ehrentafel" der besten Arbeiter beim Einzug in die Fabrik dreht, schimpft er vor sich hin.

"Was will der da mit seinem Stock?", zetert der Zirkusdirektor ungeduldig und zeigt auf den Tonmann. Er ist sicher, dass der damit "Luftproben" nehmen will, die dann von westlichen Geheimdiensten genau analysiert werden. Außerdem, wenn es nach ihm ginge, gäbe es überhaupt keine Besuche.

Zum Glück ist Alexander Iwanow da anderer Meinung. Er setzt auf Transparenz, spricht offen die Schulden der Fabrik an, den schmerzlosen Konkurs, dank eines Kredits der VEB (Pendant zur deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau) und die schwierige Umwandlung in eine rentable Produktionsanlage.

Allein der Heizkessel des Kombinats ist ein Komplex industrieller Fehlgriffe. 1966 gebaut, zur gleichen Zeit wie die Fabrik, liefert er die nötige Energie zur Produktion und gleichzeitig Strom und Warmwasser für die ganze Stadt.

In einem Land, wo die Temperaturen im Winter leicht auf 20 Grad unter null fallen, ist das Heizen keine Nebensache. Jeden Herbst bereiten sich die Gemeinden auf die "Heizperiode" vor, ein fast militärisches Unterfangen. Öl- und Kohlereserven werden gecheckt, Heizkessel getestet, genauso Leitungen und Heizkörper.

Der Heizkessel des Kombinats stammt aus einer Zeit, als Energiesparen keine Priorität hatte – pro Tag verbraucht er durchschnittlich 1000 Tonnen Kohle! "Im Sommer 800 Tonnen und im Winter 1200", sagt Alexander. Zweimal pro Woche fahren 65 Loren mit schwarzen Briketts mitten in die Fabrik hinein. Nachschub für das Monster. 80% der produzierten Energie ist für die Fabrik – 20% für die Stadt.

Die Heizung ist überlebenswichtig – sie abzuschalten, das steht nicht zur Debatte. Deshalb nimmt es die Gemeinde Baikalsk mit den Rechnungen auch nicht so genau. Sie bezahlt einfach nicht. Prinzipiell nicht. Den schwarzen Peter hat das Kombinat. Bis heute bringt es den Löwenanteil am Gemeindehaushalt auf (98% der Einkommen der Stadt in Form von Steuern und Abgaben).

Baikalsk liegt mitten im Grünen – eine typische Stadt der ehemaligen UdSSR. Sie ist "mono-industriell", eine Erblast der Sowjetunion: das einzelne Unternehmen im Mittelpunkt, das für Arbeitsplätze sorgt, die Freizeit gestaltet – und nicht zuletzt Strom und Warmwasser liefert.

Das ist die Realität der russischen Industrielandschaft. Sie wird durch die 400 "Monostädte" (vom russischen monogorod) ausgebremst. Sie sind bei weitem kein Vorbild an Effizienz. Nach einem Expertengutachten der Regierung aus dem Jahr 2010 geht die Hälfte von ihnen langsam zugrunde.

Dieser Niedergang der Industrie ist die größte Bürde der russischen Wirtschaft. Wohin mit den "Monostädten", die vom Staat kaputtsubventioniert werden? Wohin mit den 25 Millionen Menschen (von 142 Millionen im ganzen Land), die bei diesen Dinosauriern noch in Arbeit stehen? Wer nimmt das Risiko auf sich und kauft das BTsBK und seine 6 Millionen Tonnen Industrieabfälle, die im Boden vergraben sind?

Ausschnitt aus der Doku

Das BTsBK und die Stadt wurden zu einer Zeit des "siegreichen Sozialismus" gebaut. Sie sind wie zwei Finger derselben Hand. Privateigentum gab es in der UdSSR nicht. Die Fabrik war der einzige Kapitän an Bord. Nach der Kommunistischen Partei, versteht sich. Ländereien und Seen, Restaurants und Hotels, Skigebiete, Kulturzentren, Kinderkrippen, Krankenstationen, Hockeystadium: alles gehörte ihr.

Eine Arbeit beim BTsBK wurde von Vater auf Sohn vererbt. Ein stabiles Einkommen war sicher. Und auch ein gutes "Sozialpaket". Auch heute noch ist es bei Berufseinsteigern mit Unidiplom sehr beliebt. Mit dem "Sozialpaket" bieten die Unternehmen eine ganze Palette von Extraleistungen: Wohnung, Kinderkrippe, Gesundheitsversorgung, bezahlten Urlaub in einem "Sanatorium".

Als die UdSSR 1991 kollabiert, hängt das Schicksal des Kombinats an einem seidenen Faden. Die Zelluloseproduktion, vorrangig für das Militär, bricht ein. Die Angestellten erhalten nur Mindestlöhne. Aber die Umstellung auf die Marktwirtschaft verpflichtet. 2002 kauft der Oligarch Deripaska das Unternehmen auf. Sofort stößt er alle nutzlosen Aktivposten ab, (Kinderkrippen, Krankenstationen, Skigebiet, Hotels) aber für die Umwelt tut er nichts.

Erst 2008 wird eine Reinigungsanlage eingebaut wird. Aber ohne große Wirkung. Die Zellulose wird mit Wasser aus einem geschlossenen Kreislauf hergestellt (gefiltert, dann wieder für die Produktion verwendet, und nicht in den Baikalsee eingeleitet). Die Qualität ist schlecht. Die Bestellungen gehen zurück, die Schulden häufen sich und bald werden die Angestellten nicht mehr bezahlt.

Der Oligarch Deripaska verkauft 51% der Firma an einen "Geschäftsfreund", der Staat kauft den Rest wieder auf. Seit 2008 stehen die Maschinen still. Offiziell wegen der Umweltschäden. Die Umweltschützer haben gewonnen.

Daher geht die Stadt Baikalsk langsam zugrunde. Das erregt die Gemüter. 2010 drohen die Einwohner damit, den Autoverkehr auf der Nationalstraße zu blockieren. Wladimir Putin – damals Premierminister – fürchtet eine Welle von Protesten und ordnet die Wiedereröffnung des Kombinats an. Die Abwässer dürfen wieder direkt in den See geleitet werden.

Die Umweltschützer machen einen Skandal daraus. Sie werfen dem Kreml Wortbruch vor. Versprochen war eigentlich eine Diversifizierung der Wirtschaft. Die Regierung will nur eines: Die Papierfabrik am Tropf lassen, und so soziales Chaos vermeiden. Die Diversifizierung kann warten.

Die Einwohner von Baikalsk sehen ihre Rettung im Tourismus oder der Erdbeerernte. Einige Bewohner verkaufen sie im Sommer am Straßenrand zwischen Irkutsk und Ulan-Ude. Aber damit der Obst- und Gemüseanbau sich entwickelt kann, müsste man damit einverstanden sein, Parzellen von Land abzutreten. Diese Idee ist schwer umzusetzen, denn von Privateigentum hat man keine klare Vorstellung. Und außerdem kontrollieren die Apparatschiks vor Ort die Ernte. Deshalb geht auch die Rückumwandlung des Kombinats so zäh vonstatten. Man hat sich noch immer nicht auf eine Verteilung des Firmenvermögens geeinigt.

Das Wintersportgebiet Sobolinaia Gora liegt ganz in der Nähe. Auch wenn es seine Winter-Stammgäste hat – der Service lässt zu wünschen übrig. „Kein Vergleich zu den österreichischen Anlagen.“, erklärt uns Alexander Iwanow. "Ach, ach, Österreich! Das ist unser Maßstab…" meint Gennadi Tikhonow, der Produktionsleiter des Kombinats und bricht in schallendes Gelächter aus.

Im Hotel Baikalsk, einem Bau im Stadtzentrum mit Retrofassade aus Wellblech hat man von Service keinen Begriff. "Frühstück? Wie können Sie es wagen – das Personal hat heute frei!", echauffiert sich die Angestellte und blickt auf die Uhr. Es ist halb neun Uhr morgens. Also unmöglich, im Hotel etwas zu essen bekommen? "Kommen Sie morgen wieder!", faucht die Walküre zurück.

Slava ist um die 40. Sie ist Fahrerin des Kombinats. An einen Aufschwung für den Tourismus glaubt sie nicht: "Wer kommt denn im Sommer schon her? Es regnet, es ist kalt. Und dann das Wasser des Sees – eisig! Wenn man da baden will, muss man vorher aber einen Liter Wodka gekippt haben!"

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Ulan-Ude – das Tor nach Asien

Die Bahnhofsuhr von Irkutsk steht auf 16 Uhr 20 – obwohl es zwanzig nach neun ist. Sind die Zeiger kaputt? Keineswegs! Denn wie in allen russischen Bahnhöfen wird auch hier die Moskauer Zeit angezeigt – und Moskau liegt 4000 Kilometer weit weg.

Der Zug nach Ulan-Ude, der Hauptstadt des benachbarten Burjatien, ist abfahrbereit. Das Ticket ist auf 16.40 Uhr ausgestellt, die Zeit des europäischen Russland. Aber tatsächlich ist es zwanzig vor neun. Als der Expresszug sich zum Ostufer des Baikalsees in Bewegung setzt, wird es langsam dunkel.

Beim Ausstellen der Tickets erleichtert sich die Eisenbahngesellschaft RJD das Leben, angesichts von neun Zeitzonen der Russischen Föderation, der größten Landfläche der Erde: 85 500 Kilometer Schienen zu verwalten und 1,3 Milliarden Passagiere pro Jahr zu transportieren, das ist schon eine reife Leistung – dann auch noch die Zeitverschiebung. Deshalb gilt auf allen Bahnhöfen – von Murmansk bis Wladiwostok die gleiche Zeit – nämlich die der Hauptstadt.

Das mit den Zeitzonen ist eine Sache für sich! Bis 2010 waren es noch elf. Dann wurde Medwedew Präsident und hat zwei davon abgeschafft. Einfach so, per Erlass. Man muss schon Kremlchef sein, damit man sich gegenüber der Geographie derlei herausnehmen kann.

Keuchend läuft der Zug im Bahnhof von Ulan-Ude ein (sechs Stunden Fahrt für 450 Kilometer). Die Uhren zeigen Moskauer Zeit – aber der Ort hat nichts mehr mit Russland gemein.

Ulan-Ude liegt an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn – in einiger Entfernung vom Baikalsee. Mit seinen 411 646 Einwohnern ist Ulan-Ude das Tor nach Asien. Zu Sowjetzeiten war die Grenze doppelt verriegelt. Mittlerweile gibt es zwischen den Ländern regen Menschen- und Warenverkehr. Die Mongolei ist nur 285 Kilometer von Burjatien entfernt. Viele Einheimische gehen dahin – ausschließlich zum Einkaufen.

Viktoria Matkhanowa betreibt ein kleines Hotel – sie hat sich gerade einen südkoreanischen Wagen mit Allradantrieb zugelegt. Gekauft hat sie ihn in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Da sind die Autos billiger als in Russland. Bei der Rückkehr musste sie dann aber sechs Stunden am Grenzübergang warten. "Die Zöllner auf der mongolischen Seite arbeiten immer schnell – nie muss man warten. Beim russischen Zoll fangen dann die Haarspaltereien an", seufzt sie.

Die Mongolen sind die Cousins der Burjaten – ein Nomadenvolk, das sich im 6. Jahrhundert zu beiden Ufern des Baikalsees niedergelassen hat. Die Burjaten wurden von Dschingis Khan unterworfen und begaben sich im 18. Jahrhundert unter den Schutz des russischen Reichs. Im 20. Jahrhundert wurden sie sesshaft. Es war in Ulan-Ude, an der "Teestraße" zwischen China und Russland, wo die Zaren dieses anregende Gebräu kennenlernten – das dann zum Lieblingsgetränk der Russen wurde.

Zur Zeit der bolschewistischen Revolution kam der Kosaken-Hauptmann Semjonow an die Macht. Die Kosaken waren damals mit den monarchistischen Weißen verbündet und hatten die Unterstützung der japanischen Armee. Er wurde von der Roten Armee verjagt, die sodann das ganze Gebiet unter sowjetische Herrschaft stellte.

In den 1930er Jahren litt die Region schwer unter dem stalinistischen Terror. Die buddhistischen Mönche wurden erschossen oder kamen zur Umerziehung in Arbeitslager (Gulags). Ihre Tempel wurden zerstört, die Statuen und Kultgegenstände verbrannt.

Und dennoch: etwas ist geblieben: Mandalas, Buddha-Statuen, Masken von Persönlichkeiten des buddhistischen Glaubens hängen heute im Museum für Völkerkunde in Ulan-Ude. "Dass es das heute alles noch gibt, ist dem Mut einiger Angestellter zu verdanken, weil die bei den politischen Säuberungen das alles im Lager versteckt haben. In der Hoffnung auf bessere Zeiten. Nach dem Ende des Kommunismus wurden sie wieder hervorgeholt", erläutert Larissa, Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität.

Seit Burjatien nicht mehr unter der ideologischen Vormundschaft Moskaus steht, wendet man den Blick gen Osten. Vorrangiger Handelspartner ist China. Das Land ist Stammkunde der Hubschrauberfabrik von Ulan-Ude. Auch mit der russischen Firma Metropole gibt es Verträge zur Förderung der reichen burjatischen Erzvorkommen. Vor allem bei den jungen Burjaten werden Studien an einer Universität in Peking oder Schanghai immer attraktiver.

Die Beziehungen zur Mongolei sind nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. "Viele Mongolen nehmen es uns übel, weil wir unsere Sprache und die Gebräuche vergessen haben", meint Larissa. Über die letzten Jahre haben die Burjaten sich verstärkt bemüht, wieder an ihre Traditionen anzuknüpfen. Schamanische Rituale erleben einen massiven Aufschwung und es Pilger ziehen auf die heiligen Berge. Auch buddhistische und tibetische Tempel und Heilzentren haben immer mehr Zulauf.

Ausschnitt aus der Doku

Auf der Straße nach Süden ist die ockerfarbene und eintönige Landschaft mit kleinen bunten Tupfern übersät. Es sind Pagoden mit goldenen, grünen oder blauen Dächern. Sie zeugen von der Rückkehr der Lamas. Das älteste Kloster heißt Iwolginsk. Es liegt 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. 1945 wurde es mit der Zustimmung Stalins eröffnet. Angesichts des Einmarsches der Nazis tat er so, als sei er bereit, einige Formen von Religionsausübung wieder zuzulassen.

Die Burjaten hatten im Zweiten Weltkrieg einen hohen Tribut gezahlt – sowohl an der europäischen als auch an der asiatischen Front. Der Tyrann – so heißt es – habe sie dafür entschädigt und Iwolginsk zum spirituellen und administrativen Zentrum des burjatischen Buddhismus gemacht – als Zweig der tibetischen Zentren.

Man läuft Gefahr, bei all dem Auf du Ab der kleinen Streitereien die große Strömung aus den Augen zu verlieren: "Gelbmützen" gegen "Rotmützen". Es reicht, zu wissen, dass der Führer der buddhistischen Gemeinschaft, der Chambo Lama Aiucheev zum Dalai Lama ein eher distanziertes Verhältnis hat. Die Besuche des geistigen Führers des Tibet in Iwolginks haben ohnehin aufgehört. Man will den chinesischen Handelspartner nicht kompromittieren.

Kürzlich hat der russische Außenminister Sergei Lawrow die "provozierenden Äußerungen" des heiligen Mannes verurteilt, der bei den Buddhisten der Föderation zur persona non grata geworden ist. Die Rede ist von einer Million Gläubigen in Burjatien, Chakassien, in der Altai-Region, in Tschita, im sibirischen Tuwa und auch Kalmückien am Kaspischen Meer.

Mit ihrer Bibliothek, ihrer Universität, ihren Tempeln und ihren Souvenirläden ist Iwolginsk eine Stadt für sich. Man läuft burjatischen Familien über den Weg, aber auch jungen Russen. Nicht nur sie bringen die stupas (Steinmühlen) zum Drehen. In einem der Tempel: eine ganze Schulklasse, junge Burjaten und Russen. In Begleitung ihres Lehrers bitten sie Buddha darum, ihnen bei den Jahresabschlussprüfungen etwas unter die Arme zu greifen.

Die Attraktion des Klosters ist ganz ohne Zweifel die Mumie des 12. Chambo Lama, der Daschi-Dorscho Itigelow. Er ist nicht im Geringsten verwest, obwohl er nie einbalsamiert wurde. 1927 wurde er begraben. Kurz vor seinem Tod hat er seinen Anhängern das Versprechen abgenommen, ihn 30 Jahre später wieder zu exhumieren. Was sie auch taten. Der Körper war vollständig erhalten. Ein echtes Wunder. Die Mönche entschieden zunächst, ihn zu verstecken – aus Angst vor der sowjetischen Staatsmacht. Erst 2002 haben sie die Mumie – natürlich im Lotussitz – in einem Glasgehäuse in einem der Tempel von Iwolginsk gezeigt.

Das Mausoleum ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber manchmal sind die Mönche in ihren safrangelben Gewändern doch bereit, es zu öffnen. Für Besucher, die mit Auge und Seele sehen können. Der Masoleumswächter Lama Jalsan erklärt: "Jeder hat ein drittes Auge. Ohne es zu wissen. Man kann es aktivieren, indem man sich vom bösen Geist abwendet, der uns im Alltag im Griff hat. Er wird von Wut und Hass genährt."

Tibetische Buddhisten und orthodoxe Gläubige kommen gut miteinander aus, in der Hauptstadt Ulan-Ude. Die Beziehungen zwischen Russen und Burjaten sind ungetrübt. "Wir haben unter den Säuberungen gelitten, aber nicht alles am sowjetischen System war schlecht. Es hat auch Bildung gebracht", meint Arjan Malats, ein junger Burjate. Nach seinem Studium aus Moskau ist er zurückgekehrt und arbeitet jetzt als Touristenführer.

In politischer und wirtschaftlicher Hinsicht hat Moskau die Fäden in der Hand. Wjatschetslaw Nagowitsyn wurde 2007 von Wladimir Putin auf den Posten des Regierungschefs manövriert. Und ansonsten hängt Burjatien am Tropf der Zentralregierung, wie der Großteil der 83 Regionen in der russischen Föderation auch.

Der Oligarch Michail Slipentschuk ist Eigentümer der Holding Metropole. Er kontrolliert den Bergbau, das Verkehrswesen, den Tourismus mit den Hotels am Baikalsee, aber auch in Cannes und Montenegro. Bayr Tsyrepow, sein Vertreter in Ulan-Ude hält nichts von Dezentralisierung. Nach seiner Meinung "müssen wir wieder zu dieser alten Idee zurück – wie zu Zeiten des Zaren: es gibt ein Oberhaupt, das das Land wie ein Vater schützt". Er ist sich sicher, ohne starke Zentralmacht, die den Reichtum verteilt, "würde hier das Chaos ausbrechen".

Sein Vorgesetzter, der Geschäftsmann Michail Slipentschuk, ist sehr ehrgeizig. Als Abgeordneter der Partei Vereinigtes Russland – der kreml-treuen Partei, die in der Duma die Mehrheit stellt – hat er das geneigte Ohr seines Herrn und Gebieters Putin, seit er ihn in 2009 zu einer Tauchfahrt zum Grund des Baikalsees überredet hat. Seine Pläne sind im Geschäftszentrum in der Borsoeva-Straße in Ulan-Ude ausgestellt. Es dient als Hauptquartier von Metropole.

Am Eingang thronen zwei bronzene Reiterstatuen à la "Dschingis Khan" – mit Kriegshelmen und Kettenhemden. Einer der trägt hat die Gesichtszüge von Michail Slipentschuk, der andere die des burjatischen Geschäftsmanns Bayr Tsyrepov. Sie sitzen im Sattel – bereit, die Welt zu erobern. Seit dem Kauf des Flughafens von Ulan-Ude vor zwei Jahren hat sich der Verkehr verdoppelt. Metropole ist auf einem guten Weg.

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